Bin ich im falschen Film?
Druck, Prozesse (brav sein), KPI’s – und das soll Innovation bringen?
Viele spüren es, können es aber schwer benennen. Man ist gut ausgebildet, engagiert, leistungsbereit. Man arbeitet viel, denkt mit, übernimmt Verantwortung. Und trotzdem bleibt dieses diffuse Gefühl: Das kann es doch nicht sein.
Also wird weiter optimiert
Noch ein Prozess. Noch ein Ziel. Noch ein KPI. Noch ein Meeting. Noch ein bisschen mehr Druck.
Unser gesamtes System – Schule, Organisationen, Führung – basiert auf einer Annahme, die einmal richtig war:
Druck bringt Leistung. Brav sein. Tun, was gesagt wird. Keine Kritik.
Das stimmt. Aber nur in einem ganz bestimmten Bereich: In der Produktion.
Dort, wo der Weg bekannt ist, das Ziel klar und der Ablauf wiederholbar. Für diesen Film wurden wir ausgebildet. Dafür wurden Strukturen gebaut.
Das Problem ist nicht, dass dieser Film schlecht war.
Das Problem ist: Er läuft nicht mehr.
Auch die Industrie arbeitet heute in zwei grundlegend unterschiedlichen Modi – und genau hier beginnt das Missverständnis.
Im Produktionsmodus geht es um Effizienz, Stabilität und Skalierung. Hier funktionieren Prozesse, KPIs, Optimierung und auch Druck hervorragend.
Im Innovationsmodus hingegen geht es um Entdeckung, Unsicherheit und neue Fragen. Hier wirkt Effizienz nicht unterstützend, sondern zerstörerisch. Wird Innovation mit Produktionslogik geführt, verschwindet sie.
Deshalb trennen erfolgreiche Unternehmen diese Modi bewusst: organisatorisch, kulturell – und oft auch strukturell, mindestens eigene Geschäftsbereiche besser eigene Unternehmen. Nicht weil Produktion falsch wäre, sondern weil beide Logiken exzellent sind – aber nicht gleichzeitig im selben System funktionieren.
Industrie automatisiert seit Jahrzehnten Arbeit. Klassische Produktionsarbeit gibt es kaum mehr – und sie wird in den nächsten Jahren weitgehend von Robotern übernommen. Industrie muss das tun. Roboter sind besser und billiger darin wiederholbare Tätigkeiten genau so auszuführen, wie man es ihnen beibringt. Wir sehen das auch in den Beschäftigungszahlen. In der Produktion arbeiten noch rund 17% der Menschen.
Das eigentliche Problem ist nicht diese Automatisierung. Das Problem ist, dass wir Menschen weiterhin fast ausschließlich für den Produktionsmodus vorbereiten:
pünktlich, angepasst, regelkonform.
Menschen, die im Hamsterrad hervorragend funktionieren. Und viele von uns funktionieren darin sehr gut.
Genau das ist das Problem.
Ich hatte das Glück, einen Lehrer zu haben, der das System nicht erfüllt, sondern durchbrochen hat: Franz Fiala.
Franz war mein Klassenvorstand. Er hat mir nicht beigebracht, wie man ein Modem bedient oder Software konfiguriert – das habe ich mir selbst erarbeitet. Was er getan hat, war entscheidender: Er hat mir ermöglicht, Neues zu wagen.
Er erlaubte mir, im Lehrerzimmer ein nicht genehmigtes Hayes-Modem an seine Telefonleitung anzuschließen – viel zu schnell für die von der Post streng gehüteten österreichischen Leitungen. Und das an einer Bundesschule. Ich begann damit eine Mailbox aufzubauen. Den Vorläufer des heutigen Internets. Formal ein Regelbruch. In der Wirkung: Bildung im besten Sinn.
Wir haben etwas ausprobiert, für das es keinen Lehrplan, keine Genehmigung, keine Zuständigkeit gab. Kein Programm. Kein Antrag. Nur Neugier, Mut und die Erlaubnis, etwas zu versuchen, für das es noch keinen Rahmen gab. Rückblickend war das ein klassischer Pippi-Langstrumpf-Moment – auch wenn ihn damals niemand so genannt hätte.
Später habe ich Ähnliches bei Microsoft erlebt. Billardtische auf den Gängen, Laufstrecken am Campus – nicht als Spielerei und nicht als Wohlfühlmaßnahme, sondern als Schutzraum gegen Effizienzdenken. Weil man verstanden hatte:
Neue Ideen entstehen nicht unter Rechtfertigungsdruck. Druck eignet sich hervorragend, um Bekanntes effizient zu reproduzieren. Er ist ungeeignet, um Neues zu finden.
Es gab bei Apple einmal den Versuch, Produktivität über Effizienz zu messen – konkret über Lines of Code. Mehr Code galt als mehr Leistung. Ein Entwickler vereinfachte ein Programm radikal, entfernte Komplexität und machte es schneller, stabiler und wartbarer. Objektiv ein Fortschritt. In der Kennzahl jedoch ein Rückschritt: tausende Zeilen Code weniger – negative Produktivität.
Die Geschichte zeigt, was Effizienz nicht messen kann. Innovation entsteht nicht durch Optimierung innerhalb bestehender Vorgaben, sondern durch deren Infragestellung.
Maschinen sind uns in Effizienz, Präzision und Wiederholbarkeit überlegen.
Menschen sind dort überlegen, wo es keine klaren Regeln, keine stabilen Prozesse und keine sicheren Antworten gibt.
Oder einfacher gesagt:
Produktivität ohne Entdeckung ist Stillstand.
Wenn du das Gefühl hast, im Hamsterrad zu laufen, dann nicht, weil du zu wenig leistest. Sondern weil du in einem Film mitspielst, der für eine andere Zeit gemacht wurde.
Vielleicht ist dieses diffuse Unbehagen kein persönliches Problem. Vielleicht ist es der Moment, in dem man erkennt:
Ich bin nicht falsch.
Ich bin im falschen Film.
Und vielleicht ermöglicht genau dieses Verstehen, den Kinosaal zu wechseln.
Einladung
Am Mittwoch, 28. Jänner um 18:00, beschäftigen wir uns im 4future.work Club mit der Industriestrategie der Bundesregierung.
Teilnahme kostenlos – Spenden erbeten.
👉 https://4future.community/produkt/4future-work-club-industriestrategie-2035-mi-28-01-2026/
Vielleicht sehen wir einander?
Herzliche Grüße
Werner Illsinger
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Werner ist Wirtschaftspsychologe und Digitalisierungs-Experte mit Schwerpunkt auf Strategie und Leadership. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der IT, davon 18 Jahre in internationalen Führungsrollen bei Microsoft sowie als Geschäftsführer einer Bankentochter und als Lehrender an der FH Kärnten. Sein Fokus liegt auf der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft, insbesondere im Spannungsfeld von Digitalisierung, Organisation, Führung und Innovation.